Gutachten: 87 Hotspot-geschädigte Module verursachen 14 % Ertragsverlust an 420-kWp-Anlage

Gutachtentyp: Ertragsgutachten / Mängelbewertung Anlagengröße: 420 kWp Polykristallin Region: Raum Köln/Bonn Zeitraum: Mai – Jul 2024
Zusammenfassung des Gutachtens:
Ertragssoll vs. Ist — Hotspot-bedingte Verluste (380 kWp Gewerbe) Monat Ertrag [MWh] Jan Feb Mär Apr Mai Jun Jul Aug Sep Okt Nov Dez Soll (PVsyst): 148,2 MWh/a Ist (Monitoring): 129,2 MWh/a (−12,8%)

Wie wurde das Hotspot-Problem erkannt?

Der Betreiber einer 420-kWp-Dachanlage auf einem Logistikgebäude im Raum Köln/Bonn stellte über das PV-Monitoring einen kontinuierlichen Ertragsrückgang fest. Im Vergleich zur Ertragsprognose (spezifischer Ertrag: 980 kWh/kWp, P50) lag die tatsächliche Erzeugung 2023 bei nur 843 kWh/kWp — eine Abweichung von 14 %. Der Betreiber beauftragte ein Sachverständigengutachten zur Ursachenermittlung.

Drohnen-Thermografie: Prüfbedingungen

ParameterWert
Einstrahlung während Messung820–870 W/m²
Modultemperatur (Referenz, unbeschädigt)48–52 °C
Windgeschwindigkeit<2 m/s
IR-KameraFLIR Vue Pro R 640, NETD <50 mK
Flughöhe / Auflösung15 m / 3,8 cm/px
Geprüfte Module1.120 (Gesamtanlage)

Was zeigte die thermografische Analyse?

Die IR-Aufnahmen identifizierten 87 Module mit lokalen Temperaturanomalien, die deutlich über der Umgebungstemperatur der unauffälligen Module lagen:

Temperaturdifferenz ΔTAnzahl ModuleRisikobewertung
ΔT 20–40 K (68–92 °C absolut)41Erhöht — Monitoring empfohlen
ΔT 40–60 K (92–112 °C absolut)33Hoch — Austausch empfohlen
ΔT >60 K (>112 °C absolut)13Kritisch — sofortiger Austausch

Das heißeste Modul zeigte eine Rückseitentemperatur von 142 °C bei einer Einstrahlung von 850 W/m². Dieser Wert überschreitet den in IEC 61215 definierten Hotspot-Grenzwert (Modultemperatur + 50 K) um 40 K und stellt ein akutes Brandrisiko dar.

Ursachenanalyse der Hotspots

Die weiterführende Untersuchung (I-V-Kennlinie, EL-Stichprobe, Bypass-Dioden-Test) ergab:

UrsacheAnzahlMechanismus
Defekte Bypass-Dioden (Kurzschluss)62Diode leitet Strom permanent um → Zelle wird zum Widerstand → Erwärmung
Zellrisse mit lokalem Kurzschluss18Rissfläche bildet ohmschen Widerstand → lokale Verlustleistung
Lötstellenbrüche (Zellverbinder)7Unterbrochene Stromführung → Stromkonzentration an verbleibendem Querschnitt
Sicherheitsbewertung: 13 Module mit Temperaturen über 112 °C stellen ein unmittelbares Brandrisiko dar. Bei sommerlicher Einstrahlung über 1.000 W/m² können rechnerisch Temperaturen von 165–180 °C erreicht werden — oberhalb der Zündtemperatur der EVA-Einkapselung (ca. 200 °C). Das Gutachten empfahl sofortige Außerbetriebnahme der betroffenen Strings.

Welcher wirtschaftliche Schaden entstand?

Schadenskalkulation:
PositionBetrag
Kumulierter Ertragsverlust 2020–2024 (progressive Degradation)47.800 €
Modulaustausch 87 Module inkl. Montage26.100 €
Stillstandsverlust während Austausch (2 Wochen)4.300 €
Thermografie + IV-Messung + Gutachten16.000 €
Gesamtschaden94.200 €
Gutachterliche Einschätzung: Die Analyse deutet auf einen Produktionsfehler bei den Bypass-Dioden hin (Charge 2016, identischer Modultyp). Die hohe Ausfallquote von 5,5 % der Bypass-Dioden nach nur 7 Betriebsjahren liegt signifikant über der erwarteten Ausfallrate (<0,5 % nach 10 Jahren). Ein Regressanspruch gegenüber dem Modulhersteller erscheint begründet.

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Zuletzt aktualisiert: 2026-05-20 | Autor: Christoph S. Prestele, TÜV-zertifizierter Sachverständiger | EN-Gutachter.de