Gutachten: IV-Kennlinien-Analyse identifiziert systematischen String-Mismatch — 9,2 % Ertragsverlust in 6,8-MWp-Solarpark

Gutachtentyp: Ertragsgutachten / Mängelbewertung Anlagengröße: 6,8 MWp Bifazial (Tracker) Region: Brandenburg Zeitraum: Aug – Okt 2024
Zusammenfassung des Gutachtens:
IV-Kennlinienvergleich — String A vs. String B (Freiflächenanlage) Spannung U [V] Strom I [A] MPP Soll: 342 Wp MPP Ist: 300 Wp Soll (Datenblatt STC) Ist (Messung 14.03.2025) Mismatch-Verlust: −12,3% 0V 300V 600V 0A 5A 10A

Warum wurde ein IV-Kennlinien-Gutachten beauftragt?

Ein Investor erwarb 2023 einen 6,8-MWp-Solarpark in Brandenburg (Inbetriebnahme 2020, bifaziale Module auf einachsigen Trackern, 412 Strings à 28 Module). Die Performance-Analyse nach Übernahme zeigte einen spezifischen Ertrag von 892 kWh/kWp — 9,2 % unter der P50-Prognose von 982 kWh/kWp. Da der Minderertrag seit Inbetriebnahme konstant auftrat, wurde ein systematischer Installationsfehler vermutet.

Messumfang

Zwischen August und Oktober 2024 wurden alle 412 Strings der Anlage per IV-Kennlinien-Tracer (Solmetric PVA-1500) bei Einstrahlungen zwischen 750 und 950 W/m² gemessen. Jede Messung wurde auf STC (1.000 W/m², 25 °C) normiert. Zusätzlich wurden die Flasher-Daten des Herstellers (Leistungsklassen-Sortierung) mit den tatsächlich verbauten Modulen abgeglichen.

Was ergab die systematische IV-Analyse?

BefundkategorieStringsAnteilMittlerer Verlust
Unauffällig (FF >72 %, Pmax >95 % STC)32278,2 %<2 %
Mismatch-Verluste 5–10 % (reduzierter FF, Stufenkennlinie)4410,7 %7,1 %
Mismatch-Verluste >10 % (stark gestufte Kennlinie)235,6 %13,8 %
Erhöhter Serienwiderstand Rs (>0,8 Ω, flache Kennlinie)235,6 %6,4 %

Ursache des Mismatch: Fehlsortierung bei Installation

Der Abgleich der Modul-Seriennummern mit den Hersteller-Flasher-Daten ergab: In 67 Strings wurden Module unterschiedlicher Leistungsklassen gemischt. Die Isc-Abweichung innerhalb eines Strings betrug bis zu 0,38 A (bei Nenn-Isc von 10,2 A) — das entspricht einem Mismatch von 3,7 % allein durch Stromunterschied. In Kombination mit dem seriellen Verschaltungseffekt (schwächstes Modul limitiert String) summieren sich die Verluste auf die gemessenen 7–14 %.

Technischer Hintergrund: Bifaziale Module haben werkseitig eine höhere Isc-Streuung (±3 %) als monofaziale Module (±1,5 %), da die Rückseitenleistung zusätzliche Varianz einbringt. Bei 28 Modulen in Serie reicht bereits eine Isc-Differenz von 0,2 A aus, um messbare Mismatch-Verluste zu erzeugen. Die korrekte Sortierung nach Isc-Klassen ist bei bifazialen Großanlagen daher besonders kritisch.

Wie hoch ist der wirtschaftliche Schaden?

Schadensberechnung (Gutachterlich):
PositionBetrag
Kumulierter Ertragsausfall 2020–2024 (4 Jahre × 9,2 % × Einspeiseerlös)156.000 €
Umverdrahtung 67 Strings (Sortierung nach Isc-Klassen)38.000 €
Steckverbinder-Austausch 23 Strings (korrodiert)9.200 €
Gutachtenkosten (IV-Messung 412 Strings + Auswertung)14.800 €
Gesamtschaden218.000 €
Gutachterliche Einschätzung: Der Installationsfehler (fehlende Isc-Sortierung) war bereits bei Abnahme erkennbar gewesen — eine IV-Kennlinien-Messung bei Inbetriebnahme hätte die Problematik sofort aufgedeckt. Die Verjährungsfrist für Gewährleistungsansprüche (5 Jahre Werkvertrag) lief zum Zeitpunkt der Gutachtenerstellung noch, sodass eine Geltendmachung gegenüber dem EPC-Unternehmen empfohlen wurde.

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Zuletzt aktualisiert: 2026-05-20 | Autor: Christoph S. Prestele, TÜV-zertifizierter Sachverständiger | EN-Gutachter.de