Gutachten: PID-Degradation — 31 % Leistungsverlust an negativen String-Enden einer 280-kWp-Anlage

Gutachtentyp: Schadensgutachten / Gewährleistung Anlagengröße: 280 kWp Polykristallin Region: Schleswig-Holstein (Küstennähe) Zeitraum: Sep – Dez 2024
Zusammenfassung des Gutachtens:
PID-Verteilung — Leistungsverlust nach Modulposition (Gewerbedach, 520 kWp) Dachfirst Obere Reihe: −3% (Pmax: 388 Wp) Mittlere Reihe: −15% (Pmax: 340 Wp) Erdnahe Reihe: −38% (Pmax: 248 Wp) ↑ trocken ↓ feucht Korrelation: Feuchteeintrag durch defekte Dachentwässerung verstärkt PID an erdnahen Modulen Gemessen per Flash-Test an 48 Modulen | Negativpotenzial gegen Erde: −480 V bis −520 V DC

Wie äußerte sich die PID-Problematik?

Der Betreiber einer 280-kWp-Dachanlage auf einem Kühlhaus in Schleswig-Holstein (20 km von der Nordseeküste) bemerkte ab dem 4. Betriebsjahr einen schleichenden Ertragsrückgang. Die Monitoring-Daten zeigten ein auffälliges Muster: Strings mit negativer Erdungspolarität (Minus-Pol am Wechselrichter geerdet) verloren überproportional an Leistung, während positive Strings kaum betroffen waren.

Leistungsvergleich nach Polarität (Messung September 2024)

String-GruppeStringsPmax (STC, Soll)Pmax (STC, Ist)Abweichung
Positive Polarität (WR+ geerdet)8140 kWp131,6 kWp−6,0 % (altersbedingt)
Negative Polarität (WR− geerdet)8140 kWp96,6 kWp−31,0 %

Die Differenz von 25 Prozentpunkten zwischen positiver und negativer Seite ist das klassische PID-Kennzeichen.

Welche Messungen bestätigten PID?

Elektrolumineszenz-Prüfung (Stichprobe 48 Module)

Die EL-Aufnahmen der Module am negativen String-Ende zeigten das PID-typische Bild: Randzellen (insbesondere die äußeren 2–3 Zellreihen) waren partiell bis vollständig inaktiv (dunkel in der EL). Der Inaktivierungsgrad nahm mit zunehmender Entfernung vom Erdungspunkt ab — ein eindeutiges PID-Profil.

Shunt-Widerstandsmessung

Die Shunt-Widerstände (Rsh) der betroffenen Module lagen bei 8–45 Ω. Unauffällige Module zeigten Rsh-Werte von 200–800 Ω. Der niedrige Shunt-Widerstand bestätigt den leckstrominduzierten Degradationsmechanismus (Na⁺-Ionenwanderung in der Antireflexschicht).

Begünstigende Faktoren für PID an diesem Standort:

War eine Regeneration möglich?

Im November 2024 wurde ein PID-Regenerationsversuch durchgeführt: Anlegen einer positiven Spannung (+1.000 V DC, Modul-Rahmen gegen Zellen) während der Nachtstunden über 21 Tage. Ergebnis:

ZeitpunktPmax neg. StringsRegeneration
Vor Regeneration (Sep 2024)96,6 kWp (−31 %)
Nach 7 Tagen108,2 kWp (−22,7 %)+8,3 Pp
Nach 14 Tagen114,8 kWp (−18,0 %)+13,0 Pp
Nach 21 Tagen (Abschluss)121,8 kWp (−13,0 %)+18,0 Pp

Die Regeneration stagnierte nach 21 Tagen — die verbleibenden 13 % Verlust sind als irreversibel zu bewerten (dauerhaft geschädigte Zellstrukturen).

Welche wirtschaftlichen Konsequenzen ergeben sich?

Schadenskalkulation + Gewährleistungsanspruch:
PositionBetrag
Kumulierter Ertragsverlust (Jahr 4–6, progressive PID)52.800 €
Irreversibler Dauerschaden (−13 % auf 140 kWp, NPV 15 Jahre)68.400 €
PID-Regenerationsanlage (Nachrüstung Anti-PID-Box)4.200 €
Gutachten + EL + IV-Messung12.600 €
Gesamtschaden138.000 €

Die Modulhersteller-Leistungsgarantie (90 % nach 10 Jahren, 80 % nach 25 Jahren) ist mit −31 % nach 6 Jahren deutlich unterschritten. Ein Gewährleistungsanspruch auf Modulaustausch ist begründet.

Gutachterliche Einschätzung: Die Ursache ist eine Kombination aus PID-anfälligem Modultyp (ohne Anti-PID-Zertifizierung nach IEC TS 62804) und ungünstigen Standortbedingungen. Der Installateur hätte bei Küstenstandorten zwingend Module mit PID-Resistenz-Nachweis oder einen Wechselrichter mit Anti-PID-Funktion vorsehen müssen. Eine Mitverantwortung des Planers wird im Gutachten festgestellt.

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Zuletzt aktualisiert: 2026-05-20 | Autor: Christoph S. Prestele, TÜV-zertifizierter Sachverständiger | EN-Gutachter.de